MICHAEL KUTZNER - Texte

 
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ltalien ist eine Melone

Anmerkungen zu Kutzners Tag- und Nachtzeichnungen

Zunächst Kutznernächte
Tag und Nacht zeichnet Kutzner ›Tag‹ und ›Nacht‹ in verschiedenen Heften. Was es darüber zu sagen gibt, wurde auf Absprache ›gedealt‹.
Villa Massimo-Rom-Dirigent Jürgen Schilling bekommt die ›Nacht‹, diesen Part mit all dem Gespenstermaterial aus der Schattenlandschaft des Todes in Palermo; bekommt also die wie Dörrobst getrockneten dürren Dörr-Kadaver, die die Kapuziner dort an die Wände genagelt haben.
Aggregatzustand, bei dem – sehr passend zur Marionettenmuseumsstadt Palermo – Mensch tatsächlich nur noch Puppe ist …

Die Kutznertage
Jürgen Schilling's Berufskollege aus Villa Romana-Florenz darf etwas über den ›Tag‹ bei Kutzner vorbringen; etwas, das wetterleuchtend hell, wetterleuchtend schnell einleuchten soll. Am besten nehmen wir die Pointe sofort vorweg: wie ›Nacht‹ fällt bei Kutzner ›Tag‹ ebenso sehr marionettig aus; wir lebenden Figuren hampeln an den Tuschefäden, Tuschedrahten seiner Tuschzeichnungen nicht anders als willenlose (ein bißchen blöde) Spielpuppen. Und alles, was da Kutzner aus seinen Alltagen, seinem Privatalltag und aus seinen vielen Privatheimatstellen in Florenz oder Olevano zeichnerisch herausfiltert, ist helles, überhelles, angenehm grelles, überbelichtetes Puppentheater ltalien. Ist ein Tagtraum, dem man den Alptraum nicht sofort anmerkt. Wie bei Ungaretti (1888-1970) zerstreut sich Raum und blenden die Ziele in Julisommertagen in all den so weißen Zeichnungen Kutzners.

Mit Alltag heimatlich umgehen
Kutzner findet etwas Alltägliches prima, eine Besonderheit; findet Werktägliches wie Sommersonntag; er badet in den Augenblicken. Und wo er ja, wie man weiß, ziemlich sehr Berliner ist, heißt das nicht, daß er sich nicht oben in blauen Romantikerhöhen in Olevano Romano oder in der für ›blaue Stunden‹ so geeigneten Florenzer Villa Romana, also in Momenten zwischen Tag und Träumen sehr zu hause fühlte.

Olevano, Florenz, Rom Pompeji, Palermo: mit solchen Stellen geht er um genau wie mit eigener Heimat. (Wenn Heimat das sei: sich mit dem ort, der Topographie, mit seinen Statisten: den Personen zu identifizieren.) Villa Romana-Stuben wie ›camera Purrmann‹, ›camera Beckmann‹ in Florenz gebraucht er als seine Wohnzimmer, in denen er nicht fremdelt; Frisöre oder Pisano (um 1250 - nach 1314) sind seine Nachbarn. »Mondo piccolo paese« – »Welt nichts als ein großes Dorf«, sagt man ja und derartiges paßt gut auf Kutzner. Die Technik aber, der Trick, mit dem er aus Fremde Heimat fabriziert ist sein (wir wollen das so nennen:) ›Berliner Blick‹.

Berliner Blick
›Berliner Blick‹ ist überhaupt nichts anderes als der genaue Sinn für die enge eigene Umgebung; und daß man dabei in all der nächsten Umwelt bereits die ganze Welt, allen Kosmos wiederfindet.
beispielsweise Berlinblicker sind Menzel, Chodowiecki, Zille, Heldt.

Etwas zum Beispiel Menzel (1815-1905)
Man kennt ja die Uniformknopfgenauigkeit, mit der dieser Berlin, Fabriken, Militär, seine Schwester oder durchsonnte Vorhänge des Balkonzimmers und auch Hinterhäuser zu Bildern macht.

Anderer Berlinblicker, etwa zum Beispiel der ›bis zum geht nicht mehr-Federzeichner‹ Chodowiecki (1726-1801). Bei ihm immer, immer die Alltäglichkeiten um ihn her: Berliner Tiergarten, seine Privatstühle in Berlin und in Danzig, seine Privatbetten, seine Familie, sein Ausflug von Berlin nach Danzig und retour.

Oder beispielsweise Berlinblicker Zille (1858-1929). Immer die Zille-Vorstadtstraßen, die Zille-Gören, die Souterrains, die Waschküchen Berlin. Diese seine Heimat nennt man längst ›Milieu‹.

Oder dann - zum Beispiel Werner Heldt (1904-1954). Immer den Blick auf sein in Stücke zerbrochenes Berlin. Fenster der Fassaden sind Augenhöhlen, eine preußische metaphysische Malerei. (Kutzner ist preußische metaphysische Zeichnerei?) Jedenfalls die zitierten 4: alle starren sie das an, was unmittelbar vor ihnen liegt …

Und also dann - Beispiel Kutzner. Er benimmt sich berlinerisch, blickt seine berlinerisch seine Tische an, besieht die Teller auf dem Tisch, die Zimmerdecken über dem Tisch. Und besieht wie Chodowiecki oder Menzel die allernächsten Statisten: die Familie, sie als so schnell zu habende Modelle. Und was immer Kutzner traktiert: Möbel oder Verwandte, er tut das wohltuend hell, schonungslos: zärtlich.

Kutzners Privatitalien
Nicht unverständlich, daß Burmeister (so gierig auf seine Villa Romana und deren lärmende Autostraße Via Senese als einen einzufangenden Heimatbezirk), daß Burmeister Kutzner in Olevano beim Zeichenschlafittchen packt und ihm, diesen Umgebungen aufsaugenden, Zeichner des Augenblicks in die Villa Romana stellt. Und mitten in einen Ungaretti-Sommer hinein. Denn Kutzner kriegt das ja so leicht hin: Italien gleißend hell zu machen. Es total aufzulösen in bekanntem südlichen Licht; Zipfel von Italien zu schnappen mit knappen kaligraphischen Schlagschatten.

Nur eine Hundezunge heraus: schon ist italienischer Sommer. Ein hingelegter, hingeflatschter Hund? Dasselbe. Ein schwarzer Mund am schwarzen Hund: und schon ist zikadendurchschrillte, träge Italienmittagshitze da. Ein Halbkreislein: schon haben Sie die Arkaden der Sommerveranda der Villa Serpentara. Eine tuscheschwarze Wolke: schon befinden Sie sich beschirmt von den vögeldurchlärmten Unterseiten der Pinien. Zwei Tusche-Lanzettchen: und es sind die Böcklin-Zypressen der Villa Romana Florenz ohne alle Böcklin-Schwere. Aus 2 Pflanzenterrakottatöpfen, vergessener Gießkanne, aus dem sich schlängelnden Gartenschlauch: wird sofort Sonnensommer.

Italienische Botanik

Schreibt Kutzner Linien zu Kringeln zusammen, wird daraus sofort ein Florenzer Gemüsegeschäft, das immer nach Artischocken plus Rosmarinnadeln riechen muß.

So wie mit Gärtnerfleiß unter einem Treibhausglashimmel etwas Botanisches gezüchtet wird, züchtet im grellen Sonnenlicht des Zeichenpapiers Kutzner emsig exotische Pflänzchen, eben vieles, was typisch italienische Botanik ist: Gartenschirme oder Agaven, zickzackgeschuppte Tonplattenböden in Florenz, melonenhaft pralle Kirchenkuppeln, den Spargel pompejanischer Antikenschweinerei; Carabinieri-Uniformhüte oder Biolet, aufgegabelte Spaghetti-Knäuel, spritzende Springbrunnen. Trauben von Vespa-Zusammenkünften. Und immer wieder züchtet Kutzner die Spezies der Pflanze: Italia Tipica.

Weiße Stille

Italien tut immer so als sei es »paese del dolce far niente«, kaschiert weg alles leid, Traurigkeiten, wiegt uns in Liegestühlen neben dem Meer in Castiglione della Pescaia ein; wir dösen; finden Italien einen Lunapark, der uns zu amüsieren hat. Wir meinen, Einsamkeiten in einer leeren Gondelkabine seien keinesfalls trostlos.
Auch Kutzner retouchiert das Gemeine am Gemeinen weg, amüsiert mit eleganten Schnörkeln, daß wir uns die Haltlosigkeit auf den Stadt-Plätzen, weil wir von torkelnden Sonnen überblendet sind, nicht bewußt machen; wie entleert, einsam sind die meisten italienischen Zimmer! Aber wie weggeblendet gleißt, leuchtet die Entleertheit, deren kaligraphisches Ornament wir werden.
Kapierbar, daß Kutzner De Chirico (1888-1978) mag, wo ja bei beiden die Gespenstigkeiten um 12 Uhr mittags unter höchstem Sonnenstand stattfinden. Im lauten Italien zeigen sie weiße Stille. So eine Art Stille, die eintritt, wenn durch die Lautlosigkeit die Außenwandglocke der Villa Romana blechern scheppert.
Sagen wir: bei Kutzner zeigt sich Italien von seiner schönsten, metaphysischen Seite und in weißer Stille.

Die Fensterläden

Die Wappen dieser Stille sind die gegen den Tag zugezerrten Fensterläden, die ›Persianen‹, Holzflügeltüren an Fenstern mit den Sehschlitzen, als behüteten sie schlitzäugige, schlitzmündige Perserinnen; sie machen künstliche Nacht in dem Zimmer, aber Nacht, die Debussy (1862-1918) ist; Satie (1866-1925) ist; faunisch, kapriziös, erschrickt, aber nicht ängstigt. Fiebrig macht wie im Juli weiße Kutzner-Tage.

Italien, nichts als eine Melone

Wir strapazieren jetzt nicht mehr unsere Pointe vom Anfang, wo wir befanden, es ginge bei Kutzner nicht nur nachts, auch tagsüber alles marionettenartig zu. Suhlen nicht weiter in Statements über Lethargie, Passivität, orientalische Trägheit, die einen überkäme in toskanischen Sommertagen. Launisch wie Kinder oder Italiener greifen wir nach einer Erfrischung, nach einem Schnitz Kürbis als einem Ausweg.
Und finden mit Kutzner: Italien ist eine Melone: grüne Schale, weißes Fruchtfleisch, rotes Kerngehäuse als Tricolore.
Italien = Melone. Wir verschlingen es, sie wie wir die Sommer verschlingen …


Commendatore Joachim Burmeister,
künstlerischer Direktor der Villa Romana Florenz, 1971-2006
 



Notiz von J. Burmeister, Villa Romana, 15. Dezember 2000