MICHAEL KUTZNER - Texte

 
Christoph Tannert, ...  |  Harald Metzkes, Was geht in uns vor, wenn wir Michael Kutzners Bilder gut finden?  |  Ulrich Kavka, SCHWARZ auf WEISS  |  Dietrich Noßky, Für Kutzner  |  Michael Kutzner, ...  |  Matthias Flügge, The Living Dead  |  Matthias Flügge, Die Melancholie als Utopie  |  Tagesspiegel, Horror Vacui  |  tip, Naturgesetze  |  zitty, Eröffnung  |  Joachim Burmeister, Maler Kutzners Gier nach Stabilem  |  Fritz Jacobi, Dom und Wolken  |  Jürgen Schilling, Lontano dalla luce della Sicilia  |  Jürgen Schilling, Abseits vom Licht Siziliens  |  Joachim Burmeister, ltalien ist eine Melone  |  Tagesspiegel, Die Melancholie einer Teermaschine  |  taz, Stille Bilder  | 
 
 
 
Dom und Wolken

Michael Kutzner, Malerei
Bunte Stube Ahrenshoop, 1. bis 31. Juli 2001
Eröffnungsrede, gehalten von Dr. Fritz Jacobi, Kustos der Neuen Nationalgalerie Berlin, am 1. Juli 2001 in Ahrenshoop:

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Michael,
es gibt manchmal eigenartige Zufälle. Vor einiger Zeit hat mir mein Sohn Christoph eine Karte aus Florenz geschickt, eine sehr schöne Ansicht des dortigen Domes – des Doma Santa Maria del Fiore, wie er richtig heißt – dieses altehrwürdigen Gebäudes, das 1368 vollendet wurde und 1434 seine imposante Kuppel erhielt. Diese Karte lag noch auf meinem Tisch, als mich Michael Kutzner besuchte und mir Fotos seiner jüngst entstandenen Arbeiten zeigte – mit dem Florentiner Dom im Zentrum, von überhöhter Achtungshaltung entkleidet, silhouettenhaft und gerippeartig auf seine lebendigen Ursprünge zurückgeschraubt.

Da ich in diesem Jahr mit der Fortführung der traditionsreichen Ausstellungsreihe in der Bunten Stube beauftragt war, kam mir die Idee, diese groß durchatmete Bilderfolge Michael Kutzners diesem kleinen Eckraum hier anzuvertrauen, der aber inmitten der weiten Landschaft seine eigene Stille und lntensität zu entfalten weiß. Und ich glaube, wir spüren das heute erneut. Damit ist ein Teil der Frage beantwortet "Wie kommt Florenz nach Ahrenshoop, wie gelangt das weltberühmte Bauwerk des Arnolfo di Cambio und des Filippo Brunelleschi an den Strand der Ostsee?"

lm Nachhinein könnte man sagen, es seien die Wolken gewesen, die – Ländereien übergreifend – mit ihrem Gestaltenreichtum so unterschiedliche Orte miteinander verbinden und in eine Gesamtheit überführen. Und daran ist sogar etwas Wahres, wovon noch zu reden sein wird.
Tatsächlich aber ist der zweite Teil der Antwort auf diese Frage sehr einfach und zugleich auch sehr schön. Der Berliner Maler und Grafiker Michael Kutzner, Jahrgang 1955, erhielt im Herbst 1999 als einer von vier Preisträgern ein Stipendium der Villa Romana in Florenz zugesprochen und hatte so die Möglichkeit, in diesem kunstgeschichtlich bedeutenden Atelierhaus, das 1905 vom Deutschen Künstlerbund unter wesentlicher Mitwirkung von Max Klinger erworben worden war, zwischen Mitte Februar und Mitte Dezember 2000 seinen künstlerischen lntentionen nachzugehen.

lm sogenannten Terrassenatelier dieses Hauses, in dem unter anderem schon Künstler wie Käthe Kollwitz, Max Beckmann, Hans Purrmann oder auch Markus Lüpertz gearbeitet hatten, wollte Kutzner eigentlich die Motive weiter behandeln, die ihn bis dato beschäftigt haben: seine magisch verschatteten Teermaschinen, seine im Spiel wie erstarrten Kinderfiguren, die nüchtern kargen Berliner Hinterhöfe oder die brüchige Lakonie seiner lnterieurs. Ein Dreivierteljahr also, um im ungewohnt großen Atelier in schöner Umgebung und in der Ruhe der Landschaft das weiterzuführen, auszuformen, zu variieren, was bis dahin Gegenstand seiner eigenwilligen und durchaus beachteten Kunst gewesen war. Die Einbeziehung seiner Arbeiten in eine Auswahl von 20 Künstlern der ehemaligen DDR in die Berliner Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes 1990 – ist ein deutlicher Beleg für diese Wertschätzung seiner zurückhaltenden, spröden, wie in Dunkelzonen beheimateten Formenwelt.

Aber: der Dom war stärker!

Wenn Kutzner auf die weite Terrasse seiner Atelierwohnung hinaustrat, lag diese ausladende alte Architektur mit der prägnanten Dachhaube und dem aufragenden Campanile in seinem Blickfeld, etwa anderthalb Kilometer entternt, eingebettet in die Hügellandschaft, die Firenze umsäumt.
Der Dom war also täglich da, sicherlich etwas zurückgezogen in den Niederungen, aber deutlich zu sehen. Und mit ihm waren die Wolken und das Licht, das dem Bau immer wieder andere Züge und Wirkungen verlieh. Dieses Wechselspiel von Atmosphäre und Bauwerk hatte Kutzner ständig vor Augen, und es verfehlte seine Wirkung nicht auf den letztlich vom Augenerlebnis inspirierten Künstler. Er wandte sich also mehr und mehr diesem Motiv zu, zunächst in kleinen, sachlich geprägten Zeichnungen, die während seines ganzen Aufenthaltes dort entstanden, und dann mit der Malerei, zunehmend von diesem bannenwollenden Gestaltungsdrang erfasst.

So entstanden 20 großformatige und über 240 kleinere Gemälde, von denen hier nur eine Auswahl von 48 Werken gezeigt wird, die – so meine ich – unwillkürlich das vergleichende Sehen in Aktion setzen. Denn alle diese schlichten Leinwände sind vom gleichen Standort aus gemalt. Es ist im wesentlichen immer das gleiche Motiv, mal etwas höher, mal etwas tiefer angesetzt, und doch scheint fast jedes Bild eine andere Welt in sich zu tragen.
Mich erinnert das nicht nur an Claude Monets Serien der "Heuhaufen" oder der "Kathedrale von Rouen", sondern auch an den Paul-Auster-Film "Smoke", wo der Tabakwarenhändler, gespielt von Harvey Keitel, über Jahre hindurch jeden Morgen um 8 Uhr bei Öffnung seines Ladens ein Foto mit dem Blick über die Straße aufnimmt – das gleiche Motiv und doch immer wieder andere Eindrücke und Situationen.

Allein diese Entstehungsgeschichte dieser hier teppichartig ausgebreiteten Bilderfolge zeigt, wie sehr Kutzner bei aller zeichenhaften Verknappung und expressiven Brechung ein im Realistischen verwurzelter Künstler ist, der den sichtbaren Gegenstand braucht und aus dem Dialog mit der sinnlich wahrnehmbaren Welt heraus seine auf karge Bildformeln reduzierten Bildübersetzungen herausfiltert.
Sicherlich hat sein künstlerischer Werdegang vom Steinmetzen zum Malerstudenten an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee bei Dietrich Noßky und Dieter Goltzsche auch damit zu tun. Andererseits aber ist es immer eine Frage der jeweiligen Mentalität, die über die entsprechende Hinwendung des Künstlers letztlich entscheidet.

Als Kutzner Anfang der 80er Jahre durch seinen Studienkollegen Thomas Richter das Werk Ernst Schroeders für sich entdeckte, jenes Malers, der als Meisterschüler der Akademie der Künste (Ost) in den 50er Jahren im Kreis um Harald Metzkes, Manfred Böttcher, Hans Vent und anderen eine maßgebliche Rolle spielte und die sogenannte ‘schwarze Periode' dieser Berliner Maler wesentlich mitprägte, war für den jungen Künstler so etwas wie die Bestätigung seiner eigenen, sich formierenden Weltsicht da: eine nüchterne Durchdringung des Realen, unbeschönigt, aber getragen von der eigenen Phantasie, deutlich und klar fomuliert, aber doch mit einem Hauch von Stimmung ausgestattet.

Kutzner ging dann seinen Weg stetig und konsequent, bewusst etwas abseits von der mehr das Malerische betonenden Ostberliner Kunsthaltung, die für ihn aber immer eine verbindende Größe geblieben ist. Für Kutzner spielte das zeichnerische Gerüst die verankernde Rolle, gepaart mit der flächigen Ausspannung der Farbe. Die wie auf ihre ungelenken Ursprünge zurückgezogene Linie, die mit emotionaler Naivität den Gegenstand umreißt, und die von verfremdeter Tristesse durchtränkte Farbtonalität führten ihn zu scheinbar Iapidaren Ausdrucksformen – entrückte Zeichen des Zivilisatorischen, die die Traumatik der Geräte und die Erkaltung der Figuren in eine untergründig spürbare Bewegung transformieren.

Die Bilder von Florenz haben all das auch – Kutzner ist kein anderer geworden. Die ltalien- oder Erlösungssehnsucht der Deutschen hat ihn nicht in ungemäße Gefilde verführt, aber die Formen sind fließender geworden und die Farben modellieren sich stärker, so als habe die Luft von Florenz die Gestaltgebung etwas in Bewegung gebracht.
Und Michael Kutzner bestätigt das, wenn er sinngemäß sagt: "Das, was ich von Italien mitgebracht habe, sind die Wolken."
Und es sind tatsächlich die Wolken, die den Dialog von Architektur und Landschaft auslösen, die zwischen Erde und Himmel, Menschen und Natur vermitteln, um dann ihrer Bahn zu ziehen.

Es ist schon von einem eigenen Reiz, bei der Betrachtung dieser kräftig gehaltenen, Bezüge zu Edvard Munch nicht bestreitenden Malströme zu sehen, welche Wandlungen etwa die Ansicht eines Domes vollzieht:
Mal behauptet er majestätisch seinen Vorrang, mal wirkt er völlig eingebunden in die landschaftlichen Gefüge, mal greift er wie eine Knochenhand aktiv in den Umraum, mal sind seine Grenzen verschliffen, eingetaucht in die Atmosphäre, wolkenverhangen, mehr eine Ahnung, denn ein Sein. Und dann behauptet er plötzlich wieder plastisch seine wunderbare Körperlichkeit.
Kutzner entfaltet ein Spiel der ganzheitlichen Umfassung, in der die verschiedenen Seiten und Zustände gespiegelt sind: das Heitere wie das Melancholische, das Befreiende wie das Beängstigende oder das Vertraute und das Fremde schwingt uns aus diesen satten Farbklängen entgegen.

Staunend nehmen wir die vielschichtigen Facetten eines Ortes und seiner Begegnung zur Kenntnis, hin und her gezogen zwischen Romantik und Expressivität. Sachlichkeit ist mit Phantasie verwoben. Das Gleichbleibende des Bauwerks etwa wird mit dem Veränderlichen, den Wolkenformationen, verschwistert. Beide öffnen sich in gegenseitiger Durchdringung, der Dom wird zuweilen zum verschwebenden Grund, die Wolken stehen mitunter wie feste Flugkörper über der Landschaft. Es entstehen Bilder, die unversehens und ohne großes Aufheben eine eigene Bedeutung signalisieren und Existenzformen hereinspülen, wellenartig, unvermutet.
Der Konflikt der Kräfte wird zum eigentlichen Gegenstand. Auch Erotik ist durchaus aufgenommen in das fließende Miteinander der Gegensätze.
Wir sind der Dom, und wir sind die Wolken – beides ist in uns enthalten. Hier am Meer kommt uns das deutlicher zu Bewusstsein, gerade denen, die ansonsten in Städten Ieben.

Kutzners Bilder, wohl in Florenz entstanden und nun an den Ostseestrand versetzt, veranschaulichen mithin Gleichnisse, die uns das Reale neu in den Blick rücken, die zugleich aber Empfindungen, Erlebnisse, Erfahrungen verkörpern. Eingebunden in die Szenerie der landschaftlichen Entrückung kommen diese Bildenergien doch unaufhaltsam auf uns zu …

Lassen Sie mich schließen mit einem Zitat des Schriftstellers Joachim Burmeister, langjähriger Leiter der Villa Romana, der im Oktober 2000 Michael Kutzners Dialog mit dem Dom und den Wolken in folgende Worte fasste:
"Kutzner verhärtet seine Personen (...) Er verhärtet die Wolken. Hält die Wolken, wenn sie über Florenz fliegen, im Fluge fest. Und bringt diese zum Erstarren.
Es scheint, nur in Florenz der Dom sei anders als Wetter und Menschen, anders als all das Gehen und Vergehen. Seit 800 Jahren bis in unser 2000 spielt sich diese so aufgeblähte Kathedrale auf, tut so, als gäbe es bei ihr rein gar nichts aufzulösen wie sonst bei Wolken und bei Menschen und Familien, all diese, die doch so unstabil sind, fortfliegen, torkeln, wie von einer Bö fortgerissen werden.
Jeden Morgen von neuem bleibt in Florenz der Dom stabil."

Etwas von dieser Stabilität wünsche ich Michael Kutzner, der Bunten Stube, uns allen.