MICHAEL KUTZNER - Texte

 
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Commendatore Himi Burmeister
Gespenstige Feinkost

KUTZNER-Gemälde? Ich erklär’ sie nicht, begleite sie nur mit ca. elf Gedanken.
Zunächst mal tolle Wohltat: KUTZNER, mit eigener Hand statische Bilder; weder Video-Performance-Schmonzes noch diese Tsunami-Welle von Smartphone-Bildchen, die einen schon nach 44 Sekunden langweilen.

Aber jetzt zu KUTZNER: daß der auf einmal englisch, d. h. amerikanisch spricht? Wußte ich nicht. Amerikanisch! Dieses Worldwide-Info-Geplapper ohne Gemüt. Hat ja ganz und gar nicht mit MARLOWE- bzw. SHAKESPEARE-Englisch oder mit Poesie zu tun. Etwa die provinziellen Biker Vorarlbergs sausen die Alpen herunter mit »Mountainbikedownhillfun« statt mit Fahrradfahr-Spaß. Widerwillig mit all dem Amerikanismus mach ich mich klug mittels English-Dictionary, um »dusk« und »dawn« zu kapieren. Kapiere dusk: dunkel, düster, Halbdunkel, Dämmerung. Also was Zwielichtiges. Dawn: (Morgen-)Dämmerung, dämmern, tagen.
1) Was soll so was? Dunkel-, Hellwerden, dusk, dawn? Wo doch Dämmerung und Morgenstunden in Miami, Shanghai, Windhoek total verschieden verlaufen. Wenn milder Mondschein über Uppsala schwimmt, fast von CASPAR DAVID FRIEDRICH gemalt. Wenn bei RUDI SCHURICKE »bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt«, dusk anfängt. Wenn am Broadway die Lichtflut an- und ausgeschaltet wird und Nacht elektrisch beseitigt wird. Wenn in St. Petersburg zahnpastenweiße Nächte leuchten. Wenn bei Sternenschein in toskanischen Gärten HEINES Marmorstatuen bläulich aufscheinen; auf der Reeperbahn nachts um halb eins fängt Remmidemmi an. All so etwas passiert alles zwischen dusk und dawn. Überall eben doch ganz anders.
2) Was trieb denn da KUTZNER auf seinem in der Seine schwappenden Hausboot-Atelier in Paris? Von »Hochzeit auf dem Eiffel-Turm« des COCTEAU oder CHAGALLS »Notre Dame« nahm er nix mit; doch womöglich aber aus Wandschmierereien und Graffiti, mit denen wütende Sprayer sich auskotzen. Warum also Paris? Deshalb?
3) Solche quasi nicht zu dechiffrierenden Hieroglyphen aus der Spraydose gibt es doch in Berlin noch und noch. In einem Berlin, das nie mehr ZILLE ist und trotz Arbeiter-Viertel humorig schräg bleibt. Und nicht mehr Berlin des LIEBERMANN, mit Gärten am Wannsee großbürgerlich garniert. Berlin 2019? Längst Mekka des Globalisierungs-Klüngels!
4) Und hinein in ein derartiges Berlin passen maßgeschneidert Eisenkräne, Eisenbrücken. Und die Lieblinge KUTZNERS: die Teermaschinen, die die Welt zuteeren, die Regenwälder zuteeren, die Kontinente aus Kunststoffabfall im Meer zuteeren. Zu dieser typisch KUTZNER-Hieroglyphen-Bilder-Schrift gehören KAFKA-Käfer. Oder stimmen stimmig, daß diese Oldtimer-Teermaschinen sich abendrotlachsfarben zu Käfermaschinen riesengroß hochbäumen.
5) Zum Bildervokabel-Schatz des KUTZNER gehören zeppelinhafte Raumschiffe, die durch’s All herumpropellern wie im Bodenseegebiet an Christbäumen die Glaszeppelinchen. In bedrohlicher Stille bei KUTZNER.
6) Am auffälligsten springen einem in’s Auge bei KUTZNER-Kunst die »Homunkuli«; diese Automaten-Roboter à la »Olympia«-Tanzpuppe aus »HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN«. Zusammengewurstelte Zwerge, Gnomen, Retorten-Erzeugnisse aus mißglückter Gen-Technik. Ko-bolde, Koboldinnen, Alraune, Rumpelstilzchen, Hampelmänner, Hampelfrauen mit Struwwelpeterhaar-Styling in einer zusehends verstruwelten Zeit. Zwitterwesen in der Zwie-licht-Zeitphase zwischen dusk und dawn; eine nicht unmakabre Revue von Unholdwesen.
7) Diese verkorksten »Homunkuli« werden in KUTZNER-Ölbildern kreuzweise durchgestrichen; als seien sie ungültig. Meine Freundin in Wien, ELISABETH GEHRER, ehemals Kulturministerin, verordnete vor einigen Jahren, daß die Gesichtshaut des SISSI-Mörders LUIGI LUCHENI endlich aus dem Naturalien-Magazin wegentsorgt werden sollte. Eingeäschert. Sie fand diese quallenhaft aufgedunsene Maske im Delikatessen-Einmachglas (im Alkohol schwimmend) unappetitlich. In Wien unerträglichen Grusel. Relikt aus der Geisterbahn im Prater, sozusagen.
8) Ich weiß nur zu gut, in Olevano Romano bei Rom oder in Villa Romana Florenz gab KUTZNER, der 1000mal den Florenzer Dom ölmalte, bereits diesem Land der Apfelsinen (FELIX TIMMERMANS) oder Land der Zitronen (GOETHE) einen gewitterigen Beigeschmack, ganz sicher infolge von keinem zumutbaren Schicksalsschlägen. Machten diese ihn zu einer Art JEREMIAS, der in Klagen Jerusalem untergehen sah? Der KUTZNER, dem nach dem Morgengrau, nach dem dawn, vor einem möglicherweise grauenhaften Tag graut?
9) Aber da gibt es dennoch ein paar wurzellose einzelne Blümelein. Oder eine italianisierende vereinsamte Kapelle auf einem Bild. Ein Lichtblick im dawn.
10) Meine eigene Lichtblick-Technik besteht darin, daß ich mitten in meiner Dackelmeute auf meinem venezianischen Bett suhle. Das Erinnern übe. Meine Hoffnung passt besser zum Vergangenen als zu einer Zukunft ohne viel Zukunft. Nach FRIEDRICH-DER-GROSSE-Rezept: »Seitdem ich den Menschen kenne, liebe ich meinen Hund.« In Villa Romana brachte ich die von mir installierte Turmuhr dazu, rückwärts zu laufen. Gegen den Uhrzeiger-Sinn, klar. Anders die KUTZNER-Zeit, die zu KUTZNER passende Zeit ist täglich zwischen »dusk till dawn«. Diese Zeitspanne steht ihm Modell, damit er sie am Schlafittchen packen kann; aus ihr seine Hieroglyphen-Malerei, voll von torkelndem Melancholie-Hokuspokus, schöpfen kann. Zwielichtig, spukhaft. Ambivalent. KUTZNER-Zeit passiert in der Gegenwart.
11) Aber Zwielicht hin, Zwielicht her: Es gibt ja noch dieses Gemälde mit den Spiegelungen von ungenauen Gestalten, Sylphiden aus Pflanzengrün und Lotosblumenrot im Seespiegel. Das ist schönste Malerei, ist Farbenpoesie. Richtige Feinkost für’s Auge. Und wo KUTZNER Gespenstiges serviert, so ist es doch auch gut gemalt! Im »HAMLET« heißt eine Stelle: »weniger Kunst, mehr Inhalt«. Inhalt hat KUTZNER mehr als genug.

Bregenz, Bodensee, Österreich,
Dezember 2018


für: Arbeitsheft XXII/III der Galerie Parterre Berlin, Berlin 2019