MICHAEL KUTZNER - Texte

 
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SCHWARZ auf WEISS

Der Maler Michael Kutzner, geboren 1955 in Berlin, übermalt im Herbst 2011 die reproduzierten Bildmotive „Berlin, Reichskanzlei/Empfangshalle“ (1996), „Raum 232“ (1998/99) und „Oktogon I“ (1984) des Malers Ben Willikens, geboren 1939 in Leipzig.
Erstmalig im Jahr 1995 trifft der Jüngere auf das Werk des Älteren: in Italien, in Olevano nahe bei Rom. Fortan geraten die Bilder häufiger in sein Blickfeld. Ihre Anziehungskraft ist eigentümlich stabil, trotz oder gerade wegen der sich stilistisch abgrenzenden Distanz.
Über das Jahr 2000 lebt und arbeitet der Maler in Florenz – als Preisträger der Villa Romana. Kutzner erbittet dort ein Original des vormaligen Stipendiaten Willikens (Villa-Romana-Preis 1970) – und hat im Gastatelier das Bild, für die Dauer seines Aufenthaltes, sozusagen Tag und Nacht vor Augen. Nicht unbedingt als „Vorbild“, aber vielleicht doch als tolerantes Bekenntnis gegenüber der künstlerischen Andersartigkeit. Es mag zutreffen, dass die sprichwörtliche Italiensehnsucht des Malers, die sich ja als ansehnliches Konvolut im OEuvre manifestiert, auch in solcher Begegnung eine Quelle hat. Und Italien bedeutet für ihn nicht touristischer Müßiggang, sondern vielmehr eine schöpferische Existenzform, im Spannungsbogen zwischen dem pulsierenden Berliner Häusermeer und dem mumifizierten menschlichen Kollektivum, heimgesucht im abgeschiedenen Kapuzinerkloster Palermos. Es gibt eine Photographie vom 7. August 1997 "Kutzners Schatten auf der Friedhofsmauer von Stromboli". Indessen: Auch wer in der gleißenden Sonne Italiens unterwegs ist, dem folgt sein dunkler Schatten.


Die eine und die andere Sprache: Gegenteilige Erörterungen und Abstand wahrende Verständigungen von Ufer zu Ufer. Variationen der Königskinderlegende von verlorener Liebesmüh? Oder doch ein sinnreiches, beständiges Aufeinandertreffen, wider Erwarten erleuchtend, enthüllend, aufklärend in der Quadratur divergierender Bildräume? Mehr oder minder. Die Intuition: eine disharmonische Zweistimmigkeit mit kontrapunktischem Verlauf. Sonderbar mitteilsam folglich, die ungleichen Bezeichnungen, Ansichten, Ansprüche, Formungen, Aufbrüche und Bruchstellen. Leidenschaftlich, demonstrativ, anstößig, mit Bedacht unvorsichtig, mehr als mutwillig!

Die eindrückliche Präsenz des Malers Michael Kutzner begründet sich unverfälscht – ohne Vorspiegelung, Heuchelei, Verstellung oder Trick. Aus innerer Bewegung, ausgelöst durch erfreuliche und unwillkommene Normalität, formt er Gegenbilder vom Werden und Vergehen im Diesseits. Der Künstler respektiert die Natur und das Alltägliche als Erscheinung, als Figur, Gesicht, Körper, als Wuchs oder Konstruktion. Sein Nachempfinden zielt auf deren Geheimnisse, den sachlichen und den logischen. Und so hat er sich dafür entschieden, mit allen verfügbaren Gestaltungskräften kompromisslos die eigene, die leibhaftige Biographie durch anschauliches Denken und Handeln zu organisieren, zu ordnen, zu prägen. Sich selbst zu kennen bedeutet, das Andere und die Anderen zu erkennen. Das ist keine widerspruchslose Aufgabe. Verstehbar vielleicht aus dem Gefühlsstau des Einzelnen in der Menge der übervölkerten Großstadt und dessen ebenerdiger, alltäglicher Anwesenheit unter seinesgleichen. Im Bilde sind diejenigen, die solche Nähe und Ferne gleichermaßen als beglückende Eintracht und bedrängende Entfremdung empfinden. Um Beistand geht es ihm wohl auch, auf solchen hoffend oder ebendiesen bereitwillig hergebend. Die Empfänglichkeit darauf bezogen muss er nicht suchen. Er hat sie. Oder sie eilt im nach, aus unbewusstem Gespür, bisweilen unvorhergesehen, überwältigend, schicksalhaft. Hierfür ist er anfällig, feinfühlig und - aufnahmebereit. Seine Kraft zur künstlerischen Bewältigung gilt in doppelter Hinsicht: antreiben und getrieben werden! Diese unerbittliche Rivalität antwortet nicht mit Weissagungen sondern mit Erkenntnisgewinn. Die Ausdruckswerte von Farbe, Klang und Ton folgen dem Naturell des Malers: geradeheraus, zupackend, bewahrend. Solche Bildsprache ist dem Gegenwärtigen zugewandt, obwohl sie eine Dingwelt vorträgt, deren Gepräge den Mythos des Gestern in sich birgt. Woher und Wohin? Geschehnisse in unaufhörliche Folge: im Werden, im Fließen, im Beharren, im Auflösen. Die expressive Gestik verkörpert Stille, Schweigen und wachrüttelnde Teilhabe. Jede einzelne Form, jeder Farbklang, jede lineare Kontur ist ausdrucksstark genug, um dem Ganzen jene zeichenhafte Prägnanz zu geben, deren Signum die kategorische Wiedererkennung bleibt. Die Kunstwerke des Malers leben durch Spannung, Aufmerksamkeit, Konzentration und Verinnerlichung.

Ohne kniefällige Abschweifungen: Dramatisch lebhafte Nachtfarbe, flächig geartetes pastoses Pech- oder Asphaltschwarz, kennzeichnet Mittelwege hin zu strikt gewinkelten, akribisch ausgeführten Räumen, zu Bildern befremdlicher Verlassenheit. Konservierende Anmutungen von restlos leeren, ja sterilen Behausungen in glanzlosem Grau und kalkweiß strahlender Blässe. Phantasmen einer gänzlich unberührten, unversehrten, unumschränkten Totalität, von scheinbar wesensferner Beseelung. Spät empfundene, befangene Nachsichten infolge des beunruhigend verderblichen Seins?

Retrospektiv gegebenenfalls, das eine um das andere Mal, die aus dem Trümmererbe zurückgerufenen Kopien unbeherrschten nationalen Größenwahns als Irreführung in den geistigen und tatsächlichen Untergangsexzess. Aber noch immer ist jenes fatale Tausendjährige Ewigkeitsgebaren gegenwärtig, abgesondert aus dem pathologisch anrüchigen, hinterlassenen Beton-, Granit-, Marmor- und Gesinnungsgeröll.

Das auf Dauer geschaffene makellose, taghelle Leinwandbild, vom Grund her zustande gebracht durch Augenmaß, Selbstvertrauen, Können, Verstand, Gedächtniskraft und Mitgefühl – von Zeit zu Zeit ein durch und durch freudlos bedrückendes, und dergestalt, gesprächiges Leichentuch. Die Rohheit des Gewissens in finsterer Zeit bedenkend. Ein Wiedergeben von Vergangenheit, von Bemächtigung durch Erinnerung also. Fraglos für diejenigen, die den barbarischen Schock noch immer nicht verdrängen wollen.

Augenblicklich in den Sinn kommende Erwägung: Die handstreichhaft übertrumpfenden metaphorischen Konter sollten sich dem zwielichtigen, memorialen Abbild mit rücksichtslos eigenwilliger Tatkraft entgegenstellen. Unbekümmerte Freiheit träfe so auf zackige Organisation und markante Brillanz. Wesensverwandte Konfrontation, etwa in der Unendlichkeit spiegelkonformer Standpunkte? Nicht im Entferntesten! Gleichwohl, diesseitige Hitzewallungen gerinnen in der Atmosphäre okkulter Vereisung. Die Polarität der Bildsprachen könnte abgewandter, verschiedener, oppositioneller nicht sein! Und doch sind Einkehr und Behausung denkbare Sinnverwandtschaften des ungeläufig herausfordernden Vorgangs.

Provokation oder Versiegelung gefrorener Beharrung? Weder noch! Denn Abfolge und Gefüge solcher Passagen zeigen: Der malerische Fleck besetzt in bemerkenswert erstaunlichem Gestaltwandel die ebenso gewichtigen, ja unantastbar scheinenden, streng formierten, pittoresk metaphysisch maskierten Orte. Der gewalttätig anmutende Akt ist kein echter Eingriff, auch keine Befleckung, keine Anschwärzung, sondern die rigoros absichtliche Überlagerung einer kunstvollen, wohldurchdachten Spiegelung zweier Innensichten. Von Anschauung zu Anschauung, von Sinnesart zu Sinnesart.

Zugleich aber verkörpert er auch eine redliche Geste, nämlich dem fernstehenden schöpferischen Temperament nicht mit Geringschätzung, am Ende durch Auslöschung entgegenzutreten.
Die sinnlich überhöhte, nahezu gläserne, zerbrechliche Fremdheit der parabolischen Raumkubatur schließt akute, gar beklagenswerte, unvermittelte Lebensnähen aus. Stattdessen forcieren Verdachtsmomente fast einhellig Unbehagen als Gewissheit und Gewissensnot.
Die Entschleierung geschieht durch Verwandlung. Von der Askese hin zum Schwung bizarrer Vehikel, denen ihre schon längst abberufenen Manufakte tatsächlich ein glaubhaft beherztes, verwegenes Dasein einräumen.

Ulrich Kavka, 2012



weitere Abbildungen:
Abbildung 57 und folgende,
Bilder aus der Serie zu Willikens in der Galerie F92