MICHAEL KUTZNER - Texte

 
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Abseits vom Licht Siziliens

Bilder und Zeichnungen Michael Kutzners sind stets nicht nur intelligent komponiert, sondern verraten auch seine Vorliebe für inhaltlich und formale Pointen – wobei er sich nicht scheut, ein gewisses Maß an – schwarzem – Humor erahnen zu lassen. Er hat sich während eines Aufenthaltes in Sizilien einem Thema zugewandt, das bereits seit Jahrhunderten Reisende faszinierte und zu bewegten Schilderungen herausforderte. Eindrücklich, aber ohne peinlichen Realismus, hat er seine Beobachtungen in den Katakomben der Kapuzinermönche in Palermo zeichnerisch festgehalten, dunkle Reisebilder aus Sizilien geschaffen. Er unternimmt mit diesen Skizzen den Versuch einer Annäherung, einer sehr privaten Auseinandersetzung mit dem Tod an einem Ort, an dem man ihm auf besondere und einzigartige Weise begegnet: seit dem siebzehnten bis zum Verbot des Brauches gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts wurden etwa 8.000 Männer, Frauen und Kinder in den Katakomben bestattet; einem Ort, an dem wohl jedem Besucher bewußt wird, daß – um mit dem Ackermann aus Böhmen zu sprechen – »sobald ein Mensch zum Leben kommt«, er »alt genug zum sterben« ist.

Diese Gruft bietet einen völlig anderen, intimeren und zugleich bedrängenderen Eindruck als ihr relativ wenig beachtetes römisches Gegenstück an der Via Vittorio Veneto, mitten im römischen Verkehrsgewühl. Die fünf Kapellen der Kapuzinerkirche Santa Maria della Concezione schmückten die Mönche des Achtzehnten Jahrhunderts mit Knochen aus ihren Beinhäusern dekorativ, das heißt sie statteten sie mit grandiosen, aus unzähligen Gebeinen zusammengefügten Ornamenten und Architekturformen aus. Im Zentrum der Wölbung schwebt ein komplettes Skelett, das die Waage des Jüngsten Gerichts zwischen den Fingerknochen hält. Ein eindringliches Memento mori, einer Vanitassymbolik, der die vermummten Toten in palermitanischen Gewölbe ein Carpe diem hinzufügen, denn ihre plastische Präsenz wirkt tief in unsere eigene Gegenwart hinein, wirkt vertraut. Wir, dem unvorhergesehenen, unausweichlichen und unwiderruflichen Phänomen verfallen, sind – angeekelt oder fasziniert – mitten unter ihnen, besinnen uns auf das diesseitig zu Durchlebende, doch scheint die Zeit inmitten dieser Leblosen eingefroren.

Sie liegen, lehnen, hängen gekrümmt und recken sich in den endlos scheinenden Gängen der Nekropole, in eine letzte, endgültige Konversation verstrickt – jämmerlich, armselig, stolz, ja selbstzufrieden und doch immer beklagenswert. Die Schädel sind von einer dünnen, lederartig wirkenden Haut überzogen. Kaum jemand wird angesichts dieser Relikte vom Menschen – Skelett und Gestalt zugleich – noch das Wort entschlafen verwenden mögen, das in unserer Zeit gern verharmlosend anstellen des sterben benutzt wird. Angesichts einer 1959 von Richard Avedon geschaffenen Fotografie eines toten Paares schreibt Ludwig Fels, die beiden seien »gar nicht richtig tot, nur wie im anderen Leben Sie scheinen zu sprechen, sie scheinen zu hören. Er scheint zu singen, sie scheint zu schweigen. Sie weint, ohne Tränen, er lacht, ohne Laut. Der Tod macht, man sieht es, nicht alle gleich.« Die Angehörigen hüllten die Verstorbenen nach der Prozedur der Mumifizierung in – mittlerweile abgewetzte, fragmentierte – Kleidungsstücke oder es wurden ihnen im Laufe der Zeit einfache Gewänder aus Sackleinen angezogen, um den Verstorbenen ihre Würde zu bewahren. Die Familien nutzten – wie seit römischer Zeit – regelmäßig die Gelegenheit, ihre verstorbenen Angehörigen anläßlich bestimmter Festtage zu besuchen – nicht auf einem Friedhof, wo sie die Präsenz der Eíngesargten nur hätten erahnen können, sondern sie suchten die Begegnung mit den Körpern der Dahingegangenen. »Die Personalisierung des sichtbaren Skeletts entsprach der frommen Ergebenheit für die Seelen im Fegefeuer und dem neuen Bedürfnis, den Dialog auch jenseits des Todes fortzusetzen.« (Philipp Ariès) Man lebte mit den Körpern über Jahrhunderte in größter Selbstverständlichkeit, und so kann ein von Guido Piovene 1959 berichteter Brauch nicht verwundern: Nämlich nicht am Dreikönigstag, sondern zum Allerseelentag wurden die Kinder Palermos beschenkt und es ist nicht die Befana, von der sie die Gaben erwarten, sondern die Spender sind die Toten, »und das Kind richtet seinen Wunschzettel an den verstorbenen Onkel oder Vater oder die tote Großmutter Und die übliche Frage, die man dem Kind stellt, lautet: Was haben dir die Toten in diesem Jahr geschenkt?«

Kutzner dringt zeichnend in diese fremde, verunsichernde Welt ein. Es geht ihm nicht vordringlich darum, sich mit dieser Motivwahl in der Kunstgeschichte der Kulturen, in der diese Thematik stets eine hervorragende Rolle gespielt hat, einzuschreiben und sie zu kommentieren; er reagiert spontan auf eine ihn überraschende Konfrontation mit einer ungläubiges Staunen provozierende Welt. Er stellt sich der geisterhaften Situation, läßt sich auf ihre monströse Aufdringlichkeit ein, räsoniert auch dann, wenn er nur Fragmente erfaßt, das skurrile Wesen derer, die er abschildert, stellt unaufdringlich Fragen, wirft aber auch einen Blick auf die touristische Wirklichkeit in der Gruft. Wie man es von seinen Zeichnungen kennt, repetiert er bestimmte Versatz-Stücke, die zunächst nebensächlich erscheinen: gewundene Leuchtbirnen, das unmißverständliche und doch mißachtete Verbotszeichen No flash, das dumpf staunende Profil des Besuchers, der den Richtungspfeilen im Gewölbe folgt; schließlich jene allgegenwärtige Katze, eine durchaus italienische, nicht eine ägyptische Miu oder etwa die Katzengöttin Bastet, sondern eine, die sich offenbar unbemerkt Einlaß verschaffte, sich den Toten selbstverständlich zugesellt und den Zeichner zufällig bei seinem Rundgang begleitet und seine Aufmerksamkeit erregt. Narrative Randbemerkungen addieren sich zu zeichnerischen Kompositionen, unvermittelten Ausbrüchen schöpferischer Fantasie. Aus den Ecken und Winkeln der Räume tretend, machen sich die Chimären selbständig und steigern den Eindruck einer beklemmenden, unkontrollierten Atmosphäre.

Der direkte, unmittelbare, rasche, erregte und doch sichere Zugriff des Zeichners, ohne Korrekturen und Ergänzungen, unperfekt, vermittelt ein Bild des Todes ohne Schrecken, ohne Beklemmung. Der Tod wirkt nicht abstoßend, verunsichert eher, weil diese Zeichnungen den meisten Betrachtern Ungesehenes, ja Unvermutetes zeigen. Man denkt an Beispiele im Werk James Ensors, der in farbige Lumpen und Maskeraden gehüllte Skelette in makaber-lächerlíchen Situationen agieren läßt; beobachtet beim Streit zweier Masken um einen Gehenkten (1891), beim Stelldichein der Skelette, die sich wärmen wollen (1889), beim Billardspiel (1903), musizierend oder beim vertrauten Miteinander mit einem dämonischen Pierrot (1907). Sie gehören hier zum »Tross der Masken. (Wir können) diese Wesen nicht klassifizieren, ihre Verhaltensformen ermitteln oder über ihre raison d'être spekulieren. Was wir aber feststellen können, ist ihre lautlose, aufdringliche und offenbar unausweichliche Gegenwart als unreine Geister sind sie darauf erpicht, ordentliche Gedanken zu verwirren, unschuldige Gemüter zu verderben und Furcht einzuflössen.« (Gert Schiff) Bei Kutzner drängt sich keine Botschaft auf, er schildert unsentimental Gesehenes, Erfahrenes, wohl ohne den Gedanken an ein Memento mori. Und dennoch bleibt den Betrachtern dieser Skizzen wohl nicht erspart, betroffen darüber nachzudenken, daß das Sterben kein kollektives, sondern ein individuelles Erlebnis ist, dessen Endgültigkeit wir nur erahnen und von dem die Fratzen und Grimassen, die verrenkten Gebeine, die Kutzner in Palermos Unterwelt sah, einen unauslöschlichen Eindruck vermitteln. Sie stören die Ruhe. Nicht nur derer, die sich das Nichts nicht vorzustellen vermögen.

Jürgen Schilling, Villa Massimo, Rom


(Dr. Jürgen Schilling war Direktor der Deutschen Akademie Rom, Villa Massimo von 1993-1999)